Es ist ein Satz, der den Nachmittag prägt: „Kämpfen ist immer eine Option.“ Marc Hillen steht vor rund 150 Zahnärztinnen und Zahnärzten im Großen Saal der Zahnärztekammer Nordrhein und erzählt von seinem persönlichen Weg zurück ins Leben. Aus seiner eigenen Krebserkrankung entstand vor einigen Jahren der Verein „Schützen gegen Krebs“, der heute mehr als 350 Betroffene begleitet. Nun engagiert sich Hillen gemeinsam mit der Zahnärztekammer Nordrhein und der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Nordrhein für ein weiteres Ziel: Mundhöhlenkrebs früher erkennen – und damit die Heilungschancen vieler Patientinnen und Patienten entscheidend verbessern.
Mit der Auftaktveranstaltung der Initiative „Mund auf gegen Krebs“ fiel in Neuss der Startschuss für ein gemeinsames Versorgungsprojekt, das Wissenschaft, zahnärztliche Praxis und gesellschaftliches Engagement miteinander verbindet.
Nach einer Videobotschaft von Kammerpräsident Dr. Ralf Hausweiler eröffneten Dr. Christoph Hassink und Dr. Harm Blazejak die Bezirks- und Verwaltungsstellenversammlung und machten deutlich, worum es geht: Prävention und Früherkennung.
Mundhöhlenkrebs gehört zu den Tumorerkrankungen, die häufig erst spät erkannt werden – obwohl Zahnärztinnen und Zahnärzte bei den regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen oftmals die Ersten sind, die auffällige Veränderungen der Mundschleimhaut entdecken können. Genau hier setzt die neue Initiative „Mund auf gegen Krebs“ an.
Die Initiative verfolgt dabei einen ganzheitlichen Ansatz. Sie will die Bevölkerung sensibilisieren, Zahnärztinnen und Zahnärzte weiter fortbilden und gleichzeitig den Weg von der ersten Auffälligkeit bis zur gesicherten Diagnose strukturieren.
Nicht mit einem CT. Nicht im Operationssaal. Sondern während einer ganz normalen Kontrolluntersuchung. Eine kleine weiße Veränderung der Mundschleimhaut. Eine nicht heilende Stelle an der Zunge. Ein unscheinbarer Befund, der weder schmerzt noch den Patienten beunruhigt. Für Zahnärztinnen und Zahnärzte kann genau dieser Moment jedoch entscheidend sein. Denn sie sind häufig die Ersten, die Anzeichen eines Mundhöhlenkarzinoms erkennen – und damit den entscheidenden Vorsprung schaffen.
Den ersten medizinischen Schwerpunkt des Tages setzte Prof. Dr. Dr. Jörg Wiltfang, Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein.
Mit erschreckenden Zahlen machte der renommierte Tumorchirurg deutlich, warum die Früherkennung von Mundhöhlen- und Kopf-Hals-Karzinomen zu den wichtigsten Aufgaben der Zahnmedizin gehört. Weltweit zählen Kopf-Hals-Tumoren bereits heute zu den häufigsten Krebserkrankungen, ihre Zahl wird in den kommenden Jahren weiter steigen.
Wiltfang zeigte eindrucksvoll, dass moderne Tumormedizin heute enorme Fortschritte gemacht hat. Immuntherapien, mikrochirurgische Rekonstruktionen und individualisierte Behandlungskonzepte verbessern nicht nur die Überlebensraten, sondern ermöglichen vielen Patientinnen und Patienten eine deutlich höhere Lebensqualität. Dennoch bleibe eine Erkenntnis unverändert: „Jede sorgfältige Untersuchung der Mundschleimhaut kann der Moment sein, in dem aus einem Verdacht eine lebensrettende Chance wird.“
Für Wiltfang ist deshalb klar: Die regelmäßige zahnärztliche Untersuchung gehört zu den wirksamsten Instrumenten gegen Mundhöhlenkrebs.
Wie diese Erkenntnisse im Praxisalltag umgesetzt werden können, erläuterte anschließend Prof. Dr. Dr. Daniel Rothamel, Chefarzt und Ärztlicher Direktor des Bethesda Krankenhausen Mönchengladbach, Klinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie.
Aus seiner langjährigen Erfahrung in der Tumorchirurgie machte er deutlich, dass die Behandlung von gutartigen Tumoren in der Regel operativ erfolgen muss, da sie für die für bösartige Tumoren bekannten Therapiealternativen einer Strahlentherapie oder Chemotherapie keine Angriffspunkte bieten. Insgesamt habe man heute aber vielfältige Möglichkeiten, um entstehende Defekte durch mikrochirurgische Rekonstruktionen zu rekonstruieren, was dem Erhalt, aber auch der Wiederherstellung der Lebensqualität nach tumorchirurgischen Eingriffen zugutekommt.
Für Krebsbehandlungen stehe seit einigen Jahren neben der Operation, der Strahlen- und Chemotherapie eine weitere Therapiesäule zur Verfügung, die die Erkennung von bösartigen Zellen durch das Immunsystem adressiere und insbesondere in der Palliativen Therapie, aber auch präoperativen Verkleinerung von fortgeschrittenen Tumoren zunehmend an Bedeutung gewinnt. Hierbei wird ein Mechanismus unterbrochen, der es Tumorzellen ermöglicht, sich vor dem eigenen Immunsystem zu verstecken. An einem eindrucksvollen Fall demonstriert, können auf diesem Wege auch fortgeschrittene Tumoren zurückgedrängt und Patienten ein qualitativ hochwertiges Leben, ohne die Nebenwirkungen klassischer Chemotherapien, ermöglicht werden.
Erweitert würde die heutige Tumortherapie insbesondere auch durch sozialpsychologische und psychotherapeutische Aspekte. Hatte man vor einigen Jahrzehnten insbesondere das reine Überleben der Krebserkrankung im Fokus, so versuche man in der modernen Krebstherapie auch Aspekte der Krankheitsbewältigung und sozialen Weidereingliederung in das Behandlungskonzept aufzunehmen. Hierzu gehöre auch die kaufunktionelle Rehabilitation, die nach umfangreichen Therapien oftmals nur durch Implantat-unterstützten Zahnersatz möglich würde. Auf der anderen Seite seien auch palliative Konzepte – insbesondere durch die Etablierung der modernen Immun- und Chemotherapie und das hierdurch bedingte längere Überleben der Patienten – ein wichtiger Baustein der onkologischen Therapie.
Den Blick auf die tägliche Versorgung richtete schließlich Dr. Christoph Hassink, Leiter der Verwaltungsstelle Düsseldorf der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Nordrhein. Seine zentrale Botschaft brachte Hassink auf einen prägnanten Satz: „Zahnvorsorge ist Krebsvorsorge.“
Dass die Initiative bereits kurz nach ihrem Start Unterstützung aus der Region erfährt, zeigt auch das Engagement der Deutschen Apotheker- und Ärztebank eG. Die Bank wird das Projekt „Mund auf gegen Krebs“ mit einer Spende von 2.000 Euro unterstützen. Darüber hinaus soll die Initiative im Herbst im Rahmen einer internen Veranstaltung vorgestellt werden. Ein starkes Signal dafür, dass Prävention nicht allein Aufgabe des Gesundheitswesens ist, sondern von einem breiten gesellschaftlichen Netzwerk getragen werden kann.
Die Auftaktveranstaltung in Neuss hat deutlich gemacht: „Mund auf gegen Krebs“ ist weit mehr als eine Kampagne. Und vielleicht fasste Marc Hillen den Sinn dieser Initiative am treffendsten zusammen, als er den Zuhörern zum Abschluss mit auf den Weg gab: „Kämpfen ist immer eine Option. Du bist nicht allein.“
Weitere Informationen und Unterstützungsmöglichkeiten unter: www.schuetzen-gegen-krebs.de
Autorin: Manuela Hannen