Neben dem Erfolg im Bürokratieabbau waren bei der Kammerversammlung am 29. November 2025 auch GOZ, Fachkräfte und gesundheitspolitische Reformen ein Thema.
Sie solle froh sein, dass man sie nicht bei der Staatsanwaltschaft anzeige. Mit diesen Worten wurde eine Zahnärztin in Nordrhein im September des vergangenen Jahres durch Begeher einer Bezirksregierung konfrontiert. Grund für die Drohung war, dass die Begeher in der Praxis einen Endo-Sealer vorfanden, einem zugelassenen Medizinprodukt, aus dem sie eine Gefährdung für Mitarbeitende und Patienten ableiteten. „Der Endo-Sealer ist nur dann fruchtschädigend, wenn man ihn als Brotaufstrich zu sich nimmt und weniger als zehn Kilogramm wiegt“, erklärte Kammerpräsident und BZÄK-Vizepräsident Dr. Ralf Hausweiler bei der 3. Kammerversammlung am 29. November 2025 in Neuss.
Fälle wie diese seien nicht hinnehmbar – und würden in der Zukunft hoffentlich nicht mehr vorkommen. Denn ab dem 1. Januar 2027 überträgt das Land Nordrhein-Westfalen die Zuständigkeit für die Überwachung des Arbeits- und Strahlenschutzes an die Zahnärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe. Für Zahnärztinnen und Zahnärzte bedeutet die Zusammenlegung von Begehungen einen spürbaren Bürokratieabbau sowie die Gewissheit, dass künftig Fachkräfte der Zahnärztekammer Nordrhein die Begehungen durchführen werden. „Das ist ein Meilenstein in der Berücksichtigung der Körperschaft Kammer in diesem politischen Umfeld“, stellte Dr. Hausweiler unter Applaus der Delegierten fest. Um den Prozess aktiv mitgestalten zu können, sitzen sowohl Dr. Hausweiler als auch Kammervizepräsident Dr. Thomas Heil in den Arbeitsgruppen.
Doch trotz dieses Erfolgs: Die Mammutaufgabe Bürokratieabbau bleibt bestehen. „Wenn das Wort Vertrauenskultur ernst gemeint ist, dann heißt es, heute, hier und jetzt damit anzufangen und auf die Experten zu hören“, sagte Dr. Hausweiler. Denn noch immer gebe es genug Unsinnigkeiten: Ein geplantes Alkoholverbot in Desinfektionsmitteln, eine Gewerbeabfallverordnung mit Vorgaben zum Abwiegen der Abfälle oder Richtlinien zur Lagerung von Wasserstoffperoxid und Zahnarztpraxen mit „Terrorzellen“ gleichsetzt drohen den ohnehin bürokratiebelasteten Praxisalltag weiter zu erschweren. „Wenn es so weitergeht, werden mehr Kollegen ihren Bohrer abgeben“, befürchtet Dr. Hausweiler.
Ärgerlich sei, dass – wenn einmal konkret Bürokratie abgebaut werden solle – dies im Hauruckverfahren, ohne die Folgen zu bedenken, passiere. So im beschleunigten Anerkennungsverfahren für ausländische Mediziner. Abschlüsse und Referenzen sollen demnach in Zukunft nur noch rudimentär überprüft werden, eine Fachsprachprüfung gar erst nach erfolgter „Kenntnisprüfung in Deutscher Sprache“ notwendig sein – so der Entwurf. Die Beschleunigung der Verfahren sei positiv, jedoch dürfe dies nicht zu Lasten der Patientsicherheit geschehen. „Wir hoffen hier auf Vernunft und Einsicht der Politik“, sagte Dr. Hausweiler.
Bürokratie ist jedoch nicht die einzige Baustelle. Das gesamte Gesundheitssystem steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Die neue Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat dazu eine Finanzkommission berufen, die bereits im kommenden März erste Vorschläge für Reformen vorlegen soll. Diese Kommission vertraut jedoch mehrheitlich auf ökonomisches Wissen; Zahnärzte oder Ärzte sind nicht Teil des Gremiums. Dennoch zeigte sich Dr. Hausweiler verhalten optimistisch gegenüber der neuen Ministerin. Insbesondere ihr Auftritt bei der Bundesversammlung der Bundeszahnärztekammer, in der sie die auf Prävention ausgerichtete Behandlung als Vorbild für andere Bereiche definierte, hinterließ einen positiven Eindruck. „Unsere Message ist angekommen!“, stellte der Kammerpräsident fest. Auch Andreas Kruschwitz, Vorstandsvorsitzender der KZV Nordrhein, zeigte sich optimistisch. Er hoffe auf einen Fortschritt in der Zusammenarbeit, da die neue Regierung die Zahnärzteschaft nicht mehr als Feindbild sehe.
Dieser Vorbildcharakter der zahnärztlichen Prävention ist am Ende auch ein wichtiges Argument bei allen Fragen zur zukünftigen Finanzierung. „Wir müssen mit einer Stimme deutlich machen, dass bei der Zahnärzteschaft nicht gekürzt werden darf und dass Prävention zum Leitbild gemacht werden muss, denn so können die Ausgaben nachhaltig stabilisiert werden“, sagte Martin Hendges, Vorstandsvorsitzender der KZBV. Dass die Zahnärzteschaft im kleinen Sparpaket der Kommission nicht auftauche, sei ein Erfolg.
Wie sich die Prävention in der Entwicklung der Ausgaben bemerkbar macht, rechnete Dr. Hausweiler vor: „Als ich vor 30 Jahren meine Praxis eröffnete, lag der Anteil der Zahnmedizin an den GKV-Ausgaben bei rund 13 Prozent, heute sind es gerade einmal 5,75 Prozent“, so Dr. Hausweiler, „das ist ein Erfolg unserer Arbeit!“ Umso irritierender sei, dass kürzlich der CDU-Wirtschaftsrat gefordert habe, zahnmedizinische Behandlungen aus dem GKV-Katalog auszugliedern. Als „unverantwortlich“ bezeichnete der Kammerpräsident diese Forderung. „Wenn die GKV zahnärztliche Leistungen ausgliedert, haben wir vermutlich viele Zahnärzte auf dem freien Markt, die dann ihre Praxen schließen“, warnte Dr. Oktay Sunkur, Fraktionsvorsitzender des Freien Verbands Deutscher Zahnärzte.
Handlungsbedarf besteht aber auch bei der GOZ. Eine Novellierung nach Vorbild der GOÄ sei für die Zahnärzteschaft jedoch kein Fortschritt. 1,4 Milliarden Euro würde dies die Praxen jährlich kosten, so die Berechnungen. Umso wichtiger sei es, jetzt zu handeln, bekräftigte der Kammerpräsident und BZÄK-Vizepräsident: „Wir brauchen nicht den 100. Antrag, sondern Strategien!“ Mit der neu gewählten BZÄK-Präsidentin Dr. Romy Ermler sei jedoch die richtige Person im Amt, um diese Mammutaufgabe zu lösen. „Die GOZ wird jetzt zur Chefsache“, versprach Dr. Hausweiler.
In puncto Fachkräftemangel gibt es bereits erfolgreiche Strategien, wie Kammervizepräsident Dr. Thomas Heil zeigte. Die seit 2017 und inzwischen bundesweit laufende nordrheinische Kampagne konnte 2025 bei TikTok rund 11,5 Millionen User erreichen. „Die Zusammenarbeit mit den Influencern zahlt sich aus“, resümierte Dr. Heil.
Und das macht sich auch bei den Ausbildungszahlen bemerkbar. Während die Zahlen bei MFA sinken, konnten sie sich 2024 in Nordrhein mit 2.442 auf einem hohen Niveau wie im Vorjahr stabilisieren. Gleichzeitig wurde bundesweit mit 17.349 Verträgen ein Allzeithoch und eine nochmalige Steigerung zum Vorjahr erreicht. Mit einem Anteil von mehr als 14 Prozent ist Nordrhein dabei überproportional zum Bevölkerungsanteil vertreten.
Ebenso erfolgreich erweist sich das Anwerben von Auszubildenden aus Vietnam, das die Kammer in Zusammenarbeit mit zwei Agenturen initiiert hat. 406 Auszubildende aus Vietnam arbeiten nach jüngsten Zahlen in Nordrhein. Mit einer Vertragslösungsquote von 10,5 Prozent liegt diese deutlich unter der Gesamtquote von 54 Prozent. Die Zahl spiegelt dabei nicht die Quote der nicht erfolgreichen verlaufenen Ausbildungen wieder, da ein Azubi durchaus mehrere Lösungen in seiner Karriere aufweisen kann. Letztere sei jedoch ohnehin viel zu hoch. „Wir müssen nachsteuern, um die jungen Menschen in den Praxen zu halten“, sagte Dr. Heil.
Wie das besser funktionieren kann, präsentierte er den Delegierten ebenfalls: Ab 2027 soll jede Berufsschule in Nordrhein einen Beratungslehrer haben, der als niedrigschwelliger Ansprechpartner den Auszubildenden bei Problemen zur Seite stehen kann. „Unsere erste Wahl sind dabei Fachkundelehrer, denn sie kennen auch die Situation in der Praxis“, so Dr. Thomas Heil.
Ein weiteres Projekt, das der Kammervizepräsident vorstellte, drehte sich um das Thema Digitalisierung. So wird die Zahnärztekammer Nordrhein in Zukunft auf eine neue E-Learning-Plattform setzen, in der auch zukünftig Prüfungen durchgeführt werden können. Das Tool kann dabei nicht nur für Auszubildende, sondern auch für Hygieneschulungen, Mitarbeiterbelehrungen, Fortbildungen wie die Offene Baustein Fortbildung oder auch im Strahlenschutz verwendet werden. Praxisinhaber beziehungsweise Ausbilder können dabei, zum Beispiel bei Belehrungen, über die Ergebnisse informiert werden. Denn auch das ist Teil des Bürokratieabbaus: Schlankere Verwaltungsprozesse, die Praxen entlasten und mehr Zeit für Patienten.
Autor: Daniel Schrader