Demenz gehört zu den großen gesellschaftlichen Herausforderungen – und sie macht auch vor der zahnmedizinischen Praxis nicht halt. Die Zahl der betroffenen Patientinnen und Patienten nimmt kontinuierlich zu.
Viele Praxisteams fühlen sich im Umgang mit demenziell erkrankten Menschen unsicher oder überfordert. Wie man Aufenthalt und Behandlung bedürfnisorientiert optimieren und die „Demenzkompetenz“ aller steigern kann, erklärt die Psychologin und Autorin Dr. Esther Oberle im Interview.
Was bedeutet „Demenzkompetenz“?
Demenzkompetenz beschreibt die Fähigkeit, kognitive Einschränkungen zu erkennen, zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren. In der Zahnmedizin umfasst sie medizinisches Wissen über Demenzerkrankungen ebenso wie kommunikative, organisatorische und ethische Kompetenzen. Ziel ist es, Behandlungsabläufe so anzupassen, dass Sicherheit, Würde und Therapieerfolg auch bei eingeschränkter Entscheidungs- und Kooperationsfähigkeit gewährleistet bleiben.
Welche Herausforderungen bringen demenzerkrankte Patientinnen und Patienten mit sich – und kann man Demenz erkennen?
Typisch sind ein eingeschränktes Kurzzeitgedächtnis, reduzierte Orientierung, verminderte Compliance sowie Angst oder Abwehrverhalten. Termine werden vergessen, Anweisungen nicht verstanden oder nicht umgesetzt. Zudem erschweren Multimorbidität und Polypharmazie die Behandlung.
Hinweise auf eine mögliche Demenz können sein: wiederholte Fragen, Desorientierung in Zeit oder Ort, auffällige Vernachlässigung der Mundhygiene, ungewohntes Verhalten oder Begleitpersonen, die Antworten übernehmen.
Was kann das Praxisteam tun, um Aufenthalt und Behandlung zu optimieren?
Struktur, Ruhe und Kontinuität sind zentral. Kurze, klare Kommunikation (eine Information pro Satz), Blickkontakt und wertschätzender Umgang reduzieren Stress. Feste Bezugspersonen im Team schaffen Vertrauen. Termine sollten möglichst kurz, vormittags (oder zur besten Tageszeit der Patientin oder des Patienten) und ohne Wartezeit erfolgen.
Behandlungskonzepte sollten präventiv ausgerichtet sein: einfache, langlebige Versorgungen, schmerzfreie Mundverhältnisse und Vermeidung komplexer Nachsorgeanforderungen. Einbindung von Angehörigen oder Pflegepersonen ist essenziell.
Was können Angehörige für die Mundgesundheit tun?
Unterstützung bei der täglichen Mundhygiene ist häufig notwendig: Anleitung, Mitmachen oder vollständige Übernahme. Elektrische Zahnbürsten, einfache Interdentalhilfen und fluoridhaltige Produkte sind sinnvoll. Routinen (gleiche Tageszeit, gleicher Ablauf) erleichtern die Akzeptanz. Frühzeitige regelmäßige zahnärztliche Kontrollen helfen, invasive Maßnahmen zu vermeiden.
Welche Rolle spielt Prävention im frühen Krankheitsstadium?
Eine entscheidende: Im Frühstadium sollten Sanierung, Risikobewertung und langfristig pflegeleichte Versorgung erfolgen. So lässt sich der Behandlungsbedarf in späteren Stadien deutlich reduzieren.
1. Klare Zuständigkeiten & Teamstruktur definieren
Benennen Sie feste Ansprechpartner im Team und etablieren Sie standardisierte Abläufe für kognitiv eingeschränkte Patientinnen und Patienten.
2. Strukturierte, patientenzentrierte Terminplanung
Kurze Termine zur individuell besten Tageszeit (häufig vormittags), ohne Wartezeiten und mit vertrauten Bezugspersonen.
3. Angepasste Kommunikation & Umgebung
Reizarme Atmosphäre, einfache und klare Sprache (eine Information pro Schritt), Blickkontakt und ausreichend Zeit einplanen.
4. Interprofessionelle Einbindung & rechtliche Klarheit
Angehörige und Pflegepersonen aktiv einbeziehen; Einwilligungsfähigkeit prüfen und ggf. rechtliche Vertretung berücksichtigen.
Wichtig: Die Diagnose einer Demenz erfolgt durch Fachärztinnen und Fachärzte (z. B. Neurologie, Geriatrie) oder spezialisierte Memory-Kliniken.
5. Präventionsorientierte und vereinfachte Therapieplanung
Fokus auf langfristig stabile, pflegeleichte Versorgungen; Mundgesundheit sichern, invasive Maßnahmen reduzieren; Verhaltensbesonderheiten dokumentieren.
Mittwoch, 20.05.2026
14-19 Uhr
Kantorowicz Fortbildungsinstitut der Zahnärztekammer Nordrhein
Hammfelddamm 11
41460 Neuss
6 Fortbildungspunkte
Teilnahmegebühr: 219 € (ZÄ), 169 € (ZFA)
Teilnehmende erfahren, wie sie auch in komplexen Situationen sicher, strukturiert und empathisch handeln – ohne Mehraufwand, aber mit deutlich mehr Erfolg für alle Beteiligten. Kursinhalte sind unter anderem die Früherkennung von demenziellen Erkrankungen, Kommunikation auch bei eingeschränkter Kooperationsfähigkeit, strukturierte Behandlungsstrategien für herausfordernde Situationen, Organisation und Teamarbeit und das Einbinden von Angehörigen und Pflegepersonen.
Text: Dr. Esther Oberle
Die Fragen stellte: Christina Walther, ZÄK Nordrhein
veröffentlicht im RZB 05/026
Zur Person
Dr. Esther Oberle ist promovierte Psychologin, Demenzexpertin und erfahrene Referentin. Sie verbindet aktuelles Wissen aus Forschung und Praxis mit langjähriger Führungserfahrung im Gesundheitswesen. Als Coachin und Dozentin vermittelt sie komplexe Themen verständlich, praxisnah und wirkungsvoll. Dr. Oberle ist Autorin mehrerer Bücher und publiziert regelmäßig in Fachzeitschriften.
Literatur / Empfehlung