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Fluoridempfehlungen im Säuglings- und frühen Kindesalter

Es gab in der Vergangenheit in Deutschland verschiedene Empfehlungen zur Kariesprävention durch Fluoridanwendung im Säuglings- und frühen Kindesalter (0 bis 6 Jahre).
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Es gab in der Vergangenheit in Deutschland verschiedene Empfehlungen zur Kariesprävention durch Fluoridanwendung im Säuglings- und frühen Kindesalter (0 bis 6 Jahre). Kinderärzte und Zahnärzte gaben unterschiedliche Empfehlungen, und dies führte zur Verunsicherung von Eltern/Betreuungspersonen und damit zu geringer Akzeptanz und unzureichender Umsetzung der Empfehlungen.

Vertreterinnen und Vertreter der relevanten Fachgesellschaften und -organisationen, u. a. der Zahnheilkunde und der Pädiatrie, haben die neuen einheitlichen Empfehlungen gemeinsam entwickelt. Diesen Prozess hat das „Netzwerk Gesund ins Leben“ koordiniert. Das Netzwerk ist im zur Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) gehörenden Bundeszentrum für Ernährung (BZfE) angesiedelt und eine Einrichtung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL).

Zähne von Geburt an mit Fluorid schützen

Im bundesweiten „Netzwerk Gesund ins Leben“ ist es jetzt gelungen, die abweichenden Ansätze beim Fluorideinsatz zur Kariesprävention im Säuglings- und frühen Kindesalter zwischen Zahnärzten und Kinderärzten zu konsentierten Handlungsempfehlungen mit wissenschaftlicher Evidenz für Kinder von der Geburt bis zum 6. Lebensjahr zusammenzuführen. Diese Empfehlungen wurden in der „Monatsschrift Kinderheilkunde“ veröffentlicht.(1) Es gibt damit einen bundesweiten Beratungsstandard. Fluorid spielt eine Schlüsselrolle und wird bereits ab der Geburt empfohlen. Die Dosierungen der Zahnpasta mit 1.000 ppm (parts per million) Fluorid, die vom ersten Zahn an genutzt werden sollte, spätestens aber mit dem ersten Geburtstag, sind im Einklang mit den europäischen Empfehlungen: Reiskorngröße bis zum zweiten Geburtstag und Erbsengröße bis zum sechsten Geburtstag.

Seit Mitte der 1990er-Jahre ist die Karieshäufigkeit im Milchgebiss bisher nur um etwa 35 Prozent zurückgegangen. Fast die Hälfte der 6– bis 7-Jährigen ist von Karies betroffen – besonders häufig Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien.

Die Entstehung von Karies hat mehrere Ursachen. Neben der Bakterienbesiedlung der Zahnoberflächen spielen Menge, Art und Häufigkeit des Verzehrs zuckerhaltiger Speisen und Getränke und andere Faktoren eine Rolle. Kariöse Milchzähne können laut Prof. Dr. Ulrich Schiffner, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde (DGKiZ) und Mitautor der neuen Empfehlungen, zu Schmerzen führen, beim Essen Probleme bereiten und auf diese Weise auch die körperliche Entwicklung des Kindes verlangsamen. Es ist erwiesen: Bleiben die Milchzähne kariesfrei, sinkt auch das Kariesrisiko bei den bleibenden Zähnen.

Neue einheitliche Empfehlungen

Von der Geburt, genauer von der zweiten Lebenswoche an, bis zum Zahndurchbruch sollen Säuglinge täglich Vitamin-D-Tabletten mit Fluorid, ein Supplement mit 400–500 I.E. Vitamin D und 0,25 mg Fluorid, erhalten, bei Bedarf aufgelöst in ein paar Tröpfchen Wasser.

Nach dem Zahndurchbruch bis zum Ende des ersten Lebensjahres wird das Kind behutsam und allmählich an das Zähneputzen herangeführt. Dabei soll entweder die Weiterführung der systemischen Fluoridanwendung (0,25 mg Fluorid und 400–500 I.E. Vitamin D) oder die Fluoridanwendung durch Zahnpasta mit 1.000 ppm Fluorid (bis zu zweimal täglich, jeweils bis zu 0,125 g, Reiskorngröße) gewählt werden; das Vitamin-D-Supplement wird bis zum zweiten erlebten Frühsommer weitergeführt.

Eltern haben für die Fluoridanwendung also zwei Wahlmöglichkeiten, die sie individuell mit dem Kinderarzt/der Kinderärztin bei der Vorsorgeuntersuchung und mit dem Zahnarzt/der Zahnärztin bei der ersten zahnärztlichen Früherkennungsuntersuchung (ZFU, ab dem sechsten Lebensmonat möglich) besprechen sollten. Entweder geben sie weiter die Tablette mit Fluorid und Vitamin D und beginnen das erste Zähneputzen ohne Zahnpasta oder mit einer geringen Zahnpastamenge ohne Fluorid. Oder sie nehmen ab dem Zahndurchbruch nur Vitamin D als Tablette und putzen die Zähne mit einer bis zu reiskorngroßen Menge Zahnpasta mit 1.000 ppm bis zu zweimal täglich.

Aufklärung und Beratung zur Kariesprävention, zu Mundhygiene und zahnschonender Ernährung sowie zur korrekt dosierten Anwendung fluoridhaltiger Zahnpasta sollten zudem auch im Rahmen der zahnmedizinischen Gruppenprophylaxe nach § 21 SGB V erfolgen.

Ab dem ersten Geburtstag wird das zweimal tägliche Zähneputzen mit einer fluoridhaltigen Zahnpasta (1.000 ppm Fluorid) für alle Kinder empfohlen, zunächst mit einer geringen Zahnpastamenge (jeweils bis zu 0,125 g, Reiskorngröße), ab 24 Monaten bis zu 72 Monaten mit einer größeren Menge, einem erbsengroßen Klecks, fluoridhaltiger Zahnpasta (jeweils bis zu 0,25 g, Erbsengröße).

Die Eltern putzen mit dem Kind die Zähne. Das Kind lernt das Putzen, und die Eltern putzen die Zähne ihres Kindes sauber. Hinzu kommt das Zähneputzen in der Kita mit bis zu 0,25 g Zahnpasta (1.000 ppm Fluorid). Um eine zu hohe Fluoridaufnahme zu vermeiden, ist eine korrekte Dosierung der Zahnpasta notwendig. Bevorzugt sollen zum Zähneputzen Produkte angewandt werden, die eine genaue Dosierung der empfohlenen Höchstmenge an Zahnpasta ermöglichen, z. B. Zahnpasten aus Tuben mit kleinerer Öffnung.

Fluoride ein Schlüsselfaktor der Kariesprävention

Fluoride gelten als ein Schlüsselfaktor der Kariesprävention, aber besonders bei kleinen Kindern sind Überdosierungen wegen der Gefahr einer Dentalfluorose in den bleibenden Zähnen zu vermeiden. Säuglinge und Kleinkinder können Zahnpasta noch nicht ausspucken und verschlucken sie daher teilweise. Die empfohlenen Fluoridmengen sollen zugleich wirksam und sicher sein. Dazu ist das von der European Food Safety Authority (EFSA) festgelegte Tolerable Upper Intake Level für Fluorid mit einem Wert von 0,1 mg/kg Körpergewicht/Tag berücksichtigt worden. Diese Menge wird bei der korrekten Umsetzung der Empfehlungen zur Kariesprävention des „Netzwerks Gesund ins Leben“ nicht überschritten. Als optimale Dosis für einen hohen kariespräventiven Effekt und ein geringes Fluoroserisiko werden 0,05 mg/kg Körpergewicht/Tag angesehen.

Bei Säuglingen, die nicht gestillt werden, hängt die Fluoridzufuhr vor allem vom Fluoridgehalt des zur Zubereitung von Säuglings(milch)nahrung verwendeten Wassers ab. Meist beträgt der Fluoridgehalt des Trinkwassers in Deutschland unter 0,3 mg/l, in einigen Regionen – aus geologischen Gründen – liegt er erheblich darüber. Auskunft über den Fluoridgehalt im Trinkwasser erhält man beim örtlichen Wasserversorger. Die großen Wasserversorger in Nordrhein melden Fluoridwerte deutlich unter dem Grenzwert von 0,3 mg/l.

Wird Wasser (Trinkwasser, Mineralwasser) mit 0,3 mg/l Fluorid oder mehr zur Zubereitung von Säuglings(milch)nahrung verwendet, soll ein Supplement mit Vitamin D ohne Fluorid gegeben werden. Für das Zähneputzen soll in diesen Fällen entweder nur einmal täglich eine reiskorngroße Menge (0,125 g) fluoridhaltiger Zahnpasta oder eine fluoridfreie Zahnpasta verwendet werden. Dies betrifft Säuglinge, die nur oder überwiegend mit Säuglings(milch)nahrung ernährt werden.

Auf der Website www.gesund-ins-leben.de/kariespraevention des unabhängigen „Netzwerks Gesund ins Leben“ können die neuen einheitlichen Empfehlungen zur Kariesprävention, die Infografik und Bildmaterialen sowie Videos vom Tag der Vorstellung heruntergeladen werden.

Dr. phil. Martina Hoffschulte, ZÄK Nordrhein

Literatur:

(1) Berg B, Cremer M, Flothkötter M, Koletzko B, Krämer N, Krawinkel M, Lawrenz B, Przyrembel H, Schiffner U, Splieth C, Vetter K, Weißenborn A. Kariesprävention im Säuglings- und frühen Kindesalter. Handlungsempfehlungen des bundesweiten Netzwerks Gesund ins Leben. Monatsschr Kinderheilkd 2021, 169. DOI: 10.1007/s00112–021–01167-z

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