Seit November 2025 ist Kammerpräsident Dr. Ralf Hausweiler auch Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer. Im Interview erklärt er, welche Ziele dort auf seiner Agenda stehen und warum er trotz zweier Ämter immer noch regelmäßig am Behandlungsstuhl steht.
Dr. Hausweiler: Ich sehe drei große Herausforderungen, vor denen wir stehen: Erstens: der Erhalt des dualen Systems und dabei vor allem eine Novellierung der GOZ. Zweitens: den Bürokratieabbau: Deutschland erstickt an einer Summation und Fülle von Regeln, die zwar granular einzelne Gründe hatten, aber in ihrer Gesamtheit nicht mehr erträglich sind. Drittens: der Fachkräftemangel: Wir brauchen Lösungen – und dazu gehört, sich auch den Fragen von Migration und Integration zu stellen. Ohne zusätzliche Fachkräfte wird es künftig nicht funktionieren.
Dr. Hausweiler: Zunächst müssen wir den Umgang mit der neuen GOÄ definieren – insbesondere, weil die GOZ an zentralen Stellen darauf verweist. Klar ist aber: Die neue GOÄ kann und darf keine Blaupause für uns sein. Gleichzeitig müssen wir uns vorbereiten, falls der Gesetzgeber sagt: „Okay, wir haben die GOÄ novelliert, dann kommt jetzt auch eine neue GOZ nach dem gleichen Muster.“ Ziel darf dabei nicht nur ein angepasster Punktwert sein, sondern es braucht auch einen Automatismus für zukünftige Anpassungen – zum Beispiel in Anlehnung an die Entwicklung des Verbraucherpreisindexes. Sonst stehen wir nach ein paar Jahren wieder vor demselben Problem. Zudem muss Paragraf 5 erhalten bleiben, um auch künftig eine angemessene Honorierung komplexer Fälle ohne starren Einheitspreis zu ermöglichen.
Dr. Hausweiler: Der Bürokratieabbau stand gefühlt in jedem Koalitionsvertrag der vergangenen Jahre, aber passiert ist wenig. Das Grundproblem ist: Jede einzelne Regel ist irgendwann mit einer Begründung entstanden. Aber die Summe dieser begründeten Regeln ist heute nicht mehr erträglich und lähmt dieses Land. Wir müssen endlich wieder mehr Eigenverantwortung übernehmen und auch Risiken akzeptieren.
Ich habe schon das Gefühl, dass inzwischen ein größeres Bewusstsein für die Thematik da ist, das zeigt auch die Berufung von Karsten Wildberger zum Minister für Digitales und Staatsmodernisierung. Er war zuvor selbst in der Wirtschaft und kennt den Bürokratie-Irrsinn aus eigener Erfahrung. Jetzt braucht es aber auch den Mut, die verkrusteten Strukturen anzupacken. Denn es gibt genügend Vorschläge, die wir zusammen als BZÄK mit der KZBV erarbeitet haben.
Ein wichtiger Punkt ist aber auch der Blick auf die europäische Ebene: Denn viele Regulierungen müssen wir bereits dort verhindern. Denn was in Europa beschlossen wird, wird in Deutschland häufig besonders gründlich, teilweise doppelt und dreifach, umgesetzt. Deshalb ist unser Wirkungsort nicht nur Berlin, sondern auch Brüssel.
Dr. Hausweiler: Wir müssen vor allem Menschen für den Beruf des Zahnarztes beziehungsweise der Zahnärztin begeistern. Dazu gehört auch, junge Kolleginnen und Kollegen in Richtung Selbstständigkeit zu fördern, beispielsweise durch Mentoring.
Ebenso wichtig ist es, ZFA zu finden und vor allem diese auszubilden: Wer nicht ausbildet, hat hinterher keine Fachkräfte. Ausbildung ist nicht immer einfach, aber wer sich dieser Aufgabe nicht stellt, verweigert sich der Zukunft. Mit unserer bundesweiten Ausbildungskampagne unterstützen wir die Praxen dabei, neue Talente zu finden und konnten die Ausbildungszahlen nachhaltig um 23 Prozent steigern. Entscheidend ist aber auch, Auszubildende und Fachkräfte im Beruf zu halten. Abbrecherquoten müssen sinken. Es darf nicht so laufen, dass jemand eine Ausbildung abschließt und danach in einen völlig anderen Beruf geht. Attraktivität bedeutet nicht nur, jemanden in den Ausbildungsvertrag zu bekommen, sondern die Attraktivität des Berufs jeden Tag zu zeigen: durch Teamkultur, Entwicklungsmöglichkeiten und gute Rahmenbedingungen.
Dr. Hausweiler: Die Anforderungen sind je nach Thema unterschiedlich – deshalb ist ein Vergleich nicht immer einfach. Aber grundsätzlich unterscheiden sich Anhörungen und Gespräche auf Landes- und Bundesebene aus meiner Sicht nicht dramatisch: Es sind ähnliche Mechanismen und ähnliche Argumentationslagen, teils mit anderen Schwerpunkten.
Was wichtig ist: Wenn man ein solches Amt übernimmt, braucht man eine vertrauensvolle Mannschaft. Ich erlebe mit der BZÄK-Präsidentin Dr. Romy Ermler und der BZÄK-Vizepräsidentin Dr. Doris Seiz glücklicherweise ein Team, das sehr gut zusammenarbeitet und den Fokus auf das Machen statt auf das Reden setzt: Problemlösung statt Problembeschreibung, das ist unser Ansatz. Unterstützt werden wir dabei von einer professionellen Verwaltung. Ohne diesen Unterbau ginge es nicht.
Dr. Hausweiler: Ich bin immer noch leidenschaftlicher Zahnarzt – aber es schärft auch die Perspektive. Wir reden über Probleme, von denen ich in der Praxis selbst betroffen bin. Ich erlebe Bürokratie im Alltag, Personalthemen, Bewerbungen, Integration im Praxisbetrieb. Das hilft mir, den Blick zu schärfen – auch für die Gespräche in der Politik.
Das Interview führte Daniel Schrader