Die infektiöse Endokarditis ist eine seltene, aber potenziell lebensbedrohliche Erkrankung. Für bestimmte Herzpatienten kann bereits eine durch zahnärztliche Eingriffe verursachte Bakteriämie ein Risiko darstellen. Der folgende Beitrag fasst die aktuellen Empfehlungen zur Endokarditisprophylaxe in der zahnärztlichen Praxis zusammen.
Unter einer Endokarditisprophylaxe versteht man die Vorbeugung einer lebensbedrohlichen Herzinnenhautentzündung (Endokarditis). Selbst nach einer überstandenen Akutinfektion versterben etwa 50 Prozent der Patientinnen und Patienten innerhalb von fünf bis zehn Jahren.1 Die Herzinnenhaut (Endokard) ist eine dünne, glatte Gewebeschicht aus einer einzelnen Schicht flacher Zellen (Endothel) und darunter liegendem Bindegewebe. Diese dünne Haut kleidet den gesamten Innenraum des Herzens aus und bildet als dünne Ausstülpungen (Duplikaturen) die Herzklappen. Die glatte Oberfläche sorgt für einen reibungslosen Blutfluss. Geschädigte Herzklappen (angeboren oder im Laufe des Lebens erworben) führen zu Turbulenzen, kleinen Verletzungen und Blutgerinnseln. Hier können sich Bakterien, die in den Blutkreislauf eingetreten sind, anlagern und über eine Entzündungsreaktion besonders die Herzklappen schädigen. Die infektiöse Endokarditis ist eine seltene, aber potenziell lebensbedrohliche Erkrankung. Für bestimmte Herzpatienten kann bereits eine durch zahnärztliche Eingriffe verursachte Bakteriämie ein Risiko darstellen. Der folgende Beitrag fasst die aktuellen Empfehlungen zur Endokarditisprophylaxe in der zahnärztlichen Praxis zusammen.
Das zeitweilige Vorhandensein lebender Bakterien im menschlichen Blutkreislauf wird als Bakteriämie bezeichnet. Bei Zahnfleischbluten oder Zahnfleischentzündungen (Gingivitis) treten beim täglichen Zähneputzen Bakterien in den Blutkreislauf ein; bei schwerer, unbehandelter Parodontitis können schon beim Kauen Bakterien in den Blutkreislauf übertreten (unbemerkte Bakteriämie).
Ein hohes Bakteriämierisiko wird bei den folgenden zahnärztlichen Behandlungen gesehen: ²
Im Falle von gesunden Patienten erkennt das Immunsystem die eingedrungenen Keime und eliminiert sie innerhalb von 30 bis 60 Minuten vollständig. Bei Patienten mit geschwächtem Immunsystem, Herzfehlern oder künstlichen Herzklappen können sich die Bakterien am Herzen festsetzen und in der Folge eine gefährliche Herzinnenhautentzündung (Endokarditis) auslösen. Die KRINKO (seit 2025 Kommission für Infektionsprävention in medizinischen Einrichtungen und in Einrichtungen und Unternehmen der Pflege und Eingliederungshilfe) weist in der Empfehlung „Infektionsprävention in der Zahnheilkunde – Anforderungen an die Hygiene“ darauf hin, dass durch Zahnreinigung und Schleimhautantiseptik eine erhebliche Reduktion der mikrobiellen Flora im Speichel und auf der Schleimhaut erreicht wird. So sollte Schleimhautantiseptik (z. B. mit Chlorhexidinglukonat, Polyvidon-Jod oder ätherischen Ölen) vor allen zahnärztlich-chirurgischen/oralchirurgischen Behandlungen bei Patienten mit erhöhtem Infektionsrisiko erfolgen. ³
Besonders gefährdet für eine infektiöse Endokarditis sind Patientinnen und Patienten mit:
Patienten mit Rekonstruktion am Herzen, wenn keine Restdefekte oder Klappenprothesen vorhanden sind, werden nur in den ersten sechs Monaten nach dem Eingriff als Hochrisikopatienten eingestuft.⁴
Bei Hochrisikopatienten wird zusätzlich zur präoperativen Schleimhautantiseptik eine antibiotische Endokarditisprophylaxe empfohlen.², ³, ⁴ Ziel ist es zu verhindern, dass Bakterien aus der Mundhöhle, die während eines zahnärztlichen Eingriffs in die Blutbahn gelangen, sich an vorgeschädigten Herzklappen oder intrakardialem Fremdmaterial ansiedeln. Die Prophylaxe erfolgt als einmalige Antibiotikagabe („Single Shot“) 30 bis 60 Minuten vor dem Eingriff. Bei einer Eingriffsdauer von weniger als zwei Stunden ist diese einmalige Gabe für eine wirksame Prophylaxe in der Regel ausreichend. Die Auswahl des geeigneten Antibiotikums erfolgt entsprechend den aktuellen Leitlinien und unter Berücksichtigung individueller Faktoren, beispielsweise einer Penicillinallergie. Aufgrund angeborener oder erworbener Herzerkrankungen kann eine antibiotische Endokarditisprophylaxe auch bei Kindern und Jugendlichen erforderlich sein. Fragen Sie deshalb alle Patientinnen und Patienten gezielt nach relevanten Herzerkrankungen. Liegt ein Herzpass vor, enthält dieser bereits die notwendige Risikoeinschätzung sowie Informationen darüber, ob eine Endokarditisprophylaxe empfohlen wird.
Die infektiöse Endokarditis ist eine seltene, aber potenziell lebensbedrohliche Komplikation einer Bakteriämie. Für Patientinnen und Patienten mit hohem Endokarditisrisiko sind eine sorgfältige Anamnese, die Identifikation von Risikofaktoren und die konsequente Umsetzung der aktuellen Leitlinien von zentraler Bedeutung. Vor Zahnextraktionen, oralchirurgischen Eingriffen sowie Eingriffen mit Manipulation der Gingiva oder der periapikalen Region sollten bei entsprechender Indikation eine präoperative Schleimhautantiseptik und eine einmalige antibiotische Endokarditisprophylaxe („Single Shot“) 30 bis 60 Minuten vor dem Eingriff erfolgen. Entweder eine Rücksprache mit den behandelnden ärztlichen Kolleginnen und Kollegen oder ein Herzpass sollten die sichere Entscheidungsfindung in der zahnärztlichen Praxis unterstützen.
Autor: Dr. Thomas Hennig; veröffentlicht im RZB 07_08/2026
Literatur
1. J. Tahon et al.: „Long-term follow-up of patients with infective endocarditis in a tertiary referral center“, International Journal of Cardiology, Volume 331, 2021, pages 176-182
2. DAHZ (Deutscher Arbeitskreis für Hygiene in der Zahnmedizin): „Hygieneleitfaden“, 17. Auflage (2026)
3. KRINKO-Empfehlung „Infektionsprävention in der Zahnheilkunde – Anforderungen an die Hygiene“, Bundesgesundheitsblatt (2006)
4. ESC Pocket Guidelines „Endokarditis“ (Version 2023), European Society of Cardiology (ESC), Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung (DGK) e. V.