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Bohren hinter Gittern

Seit 17 Jahren arbeitet Nancy Elsner-Eimuth als Gefängniszahnärztin in der Justizvollzugsanstalt Köln. Warum sie keine Angst vor den Häftlingen hat und was der Zahnstatus über die Straftaten ihrer Patienten verrät.


Hinter den Gefängnismauern befindet sich ein ganzer Trakt mit Behandlungsräumen, der von verschiedenen Medizinern zur Versorgung der Insassen genutzt wird.

Der Behandlungsstuhl fährt langsam nach oben. „Bitte einmal zubeißen, ob noch etwas stört“, sagt die Zahnärztin Nancy Elsner-Eimuth zu ihrem Patienten. Kopfschütteln. Also kann nach Desinfektion des Behandlungsstuhls der nächste Patient kommen, der bereits ungeduldig auf einem Holzstuhl im Flur vor dem Behandlungsraum sitzt. Im Grunde ganz normaler Praxisalltag, wären da nicht die Gitterstäbe vor den Fenstern, die an den außergewöhnlichen Ort dieses Behandlungsraums erinnern: die Justizvollzugsanstalt (JVA) in Köln-Ossendorf.

Denn auch Inhaftierte müssen zum Arzt. Zu diesem Zweck hat die JVA einen ganzen Flur mit verschiedenen Behandlungsräumen für Fachärzte eingerichtet. Einer davon gehört der 46-jährigen Zahnärztin aus Troisdorf. Seit 2007 kümmert sie sich immer dienstags- und donnerstagsvormittags um die Zähne der Häftlinge.

Ein Job, der vielen Menschen Bauchschmerzen bereiten würde – und es der Mutter von Nancy Elsner-Eimuth bis heute noch tut –, doch ihr gefällt es. „Trotz des Gefängnisses ist es eine schöne Arbeitsatmosphäre“, erzählt sie, „und die meisten Patienten sind sehr nett.“ So lässt sich erklären, warum sie dieser Aufgabe bis heute nachgeht, obwohl sie parallel noch eine eigene Praxis in Troisdorf besitzt.

 

Keine Angst vor ihren Patienten

Die Inhaftierten werden weder an den Behandlungsstuhl gekettet noch sind JVA-Beamte während der Behandlung im Raum. Lediglich das Wartezimmer ist nicht nur vergittert, sondern auch verschlossen. Angst habe sie trotzdem keine, berichtet sie. Wer die Zahnärztin bei der Behandlung beobachtet, versteht schnell, warum. Freundlich, aber souverän geht sie mit den Inhaftierten um. Am Ende sitzen auch dort nur Menschen, die froh sind, wenn ihnen jemand hilft und die Schmerzen nimmt.

Die Zahnärztin Nancy Elsner-Eimuth arbeitet seit 17 Jahren in der JVA Köln. Parallel hat sie noch eine eigene Praxis in Troisdorf.

Wenn doch jemand einmal schroff im Umgang wird, könne sie damit gut umgehen. Einmal in den 17 Jahren sei es wirklich brenzlig geworden, als ein Patient ihr Gewalt androhte. Doch hier schritten schnell Vollzugsbeamte ein. Denn ganz allein ist Nancy Elsner-Eimuth nicht. Unterstützt wird sie von Jutta Liedtke. Die Krankenschwester kann über ihr Funkgerät im Fall der Fälle binnen Sekunden Hilfe anfordern. Ihre eigentliche Aufgabe ist aber die Terminkoordination.

Denn wie in anderen Praxen auch, kann nicht jeder sofort einen Termin bekommen, sodass nach Dringlichkeit priorisiert wird. Rund 20 Patienten schafft Nancy Elsner-Eimuth an einem Behandlungstag. Schmerzpatienten haben Vorrang. Und genauso wie außerhalb der Gefängnismauern gibt es Patienten, die kurzerhand entscheiden, doch nicht zu kommen. Und auch der Versuch, sich vorzudrängeln, ist nicht selten. „Die Patienten hier sind ähnlich ungeduldig wie meine Patienten in der Praxis“, erzählt Elsner-Eimuth, „wenn ich aber jemanden erwische, der Schmerzen nur vortäuscht, schicke ich ihn wieder weg.“

 

„Ich versuche zu retten, was zu retten ist“

Schmerzpatienten sind im Gefängnis eher die Regel als Ausnahme. Denn die Inhaftierten kommen oft erst, wenn es bereits zieht und pocht. Entsprechend sind Füllungen und Zahnextraktionen an der Tagesordnung. „Ich versuche zu retten, was zu retten ist“, sagt Nancy Elsner-Eimuth. Aber das klappt nicht immer. So auch beim nächsten Patienten, der bereits ungeduldig auf seinen Termin wartet. Nach einem Blick in den Mund greift die Zahnärztin zur Zange. „Den Zahn oben links müssen wir Ihnen leider ziehen.“ Ihr Patient erträgt es tapfer.

In diesem verschlossenen Raum warten die Insassen vor ihrem Termin. Während der Behandlung werden sie jedoch nicht angekettet.

Die beiden kennen sich bereits seit zehn Jahren, da der Mann Anfang 40 Wiederholungstäter ist – in doppelter Hinsicht: Zum einen nimmt er regelmäßig auf dem Behandlungsstuhl Platz, zum anderen wurde er nach kurzen Episoden in Freiheit wieder für neue Vergehen inhaftiert. „Wir haben schon unsere Erfahrungen gemacht“, erzählt er lächelnd und meint damit auch: Er vertraut der Zahnärztin.

Der Zahnstatus ihrer Patienten verrate oft auch etwas über die Delikte. „Je geringer das Vergehen, desto schlechter die Zähne“, erzählt Nancy Elsner-Eimuth. Insbesondere bei Drogenabhängigen leidet der Zahnstatus aufgrund der schädigenden Substanzen. Für welche Vergehen ihre Patienten inhaftiert sind, weiß sie jedoch nicht – und will es auch nicht wissen. „Ich möchte nicht voreingenommen sein.“ Kapitalverbrecher sind in Köln-Ossendorf jedoch selten.

Die Anstalt beherbergt Mä nner mit deutscher Staatsangehörigkeit mit einer Höchststrafe von bis zu 24 Monaten, ausländische Verbrecher für bis zu 48 Monate. Für Frauen gibt es dagegen keine Höchststrafe, da die JVA eine der wenigen Anstalten in Nordrhein-Westfalen ist, in der auch Frauen inhaftiert sind. Hinzu kommen noch Untersuchungshäftlinge, sodass aktuell circa 850 Personen hinter den Mauern der JVA leben.

 

Budgets gelten auch im Gefängnis

Nancy Elsner-Eimuth ist nicht im Gefängnis angestellt. Wie in ihrer Praxis rechnet sie jeden Patienten einzeln ab. Und ebenso wie in der Praxis gilt pro Kopf ein Budget. 84 Euro sind das pro Patient, die Leistungen entsprechen weitgehend denen der gesetzlichen Krankenversicherung. Die Abrechnung erfolgt direkt mit dem Land, 20 Prozent ihres Umsatzes muss sie an die JVA für die Nutzung der Räume abgeben. Diese beinhalten neben der Behandlungseinheit auch ein Röntgengerät sowie einen Sterilisator.

Eine ZFA gibt es seit einigen Jahren nicht mehr, nachdem die letzte Fachkraft in den Ruhestand gegangen ist. Denn jemanden für diese Position zu finden, ist nicht leicht. Seitdem managt Nancy Elsner-Eimuth alles allein. „In meiner eigenen Praxis könnte ich auf meine ZFA nicht verzichten.“

Blick in die Gänge der JVA Köln.

Ob ihre Patienten nach Haftentlassung zur Weiterbehandlung nach Troisdorf kommen? „Das kommt eher selten vor. Viele gehen danach nicht mehr zum Zahnarzt und der Weg in meine Praxis ist von Köln aus doch sehr weit“, erzählt die Zahnärztin. Einmal sei es jedoch vorgekommen, dass sie eine Patientin aus ihrer Praxis im Gefängnis wiedergetroffen habe. „Das war ihr sehr peinlich, für mich aber kein Problem“, erzählt sie lächelnd.

Gegen 13 Uhr endet der Einsatz der Zahnärztin, der letzte Patient geht nach einer gelegten Füllung zurück in seine Zelle. Dann hat sie eine Stunde Zeit, um sich durch den Kölner Verkehr bis nach Troisdorf zu kämpfen. Denn dort warten um 14 Uhr bereits die ersten Patienten ihrer Praxis. „Es ist schon sehr stressig“, sagt Nancy Elsner-Eimuth, „manchmal frage ich mich, wie lange ich noch im Gefängnis weiterarbeiten möchte.“ Aber das Team vor Ort sei sehr nett und die Arbeit in der JVA spannend.

Es geht der Zahnärztin aber auch um Verantwortung. Denn sollte sie aufhören, wird es schwer, einen Nachfolger zu finden. Einen Wegfall des Behandlungsangebots möchte sie ihren Patienten in der JVA nicht antun. „Jeder Mensch hat das Recht auf medizinische Versorgung, auch im Gefängnis.“

Autor: Daniel Schrader

Kontakt

Zahnärztekammer Nordrhein

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