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Professor Michael Wolf von der RWTH Aachen steht im molekularbiologischen Forschungslabor und zeigt auf den Bildschirm eines Laborgeräts mit einer grünen Grafik, er trägt einen weißen Laborkittel und steht vor einem Regal mit vielen kleinen Behältern.

Forschung an der RWTH Aachen: Wenn Organe miteinander sprechen

An der RWTH Aachen entsteht ein bislang einzigartiges Forschungsprojekt, ein sogenannter Sonderforschungsbereich (SFB 1739) an der Schnittstelle von Medizin und Zahnmedizin. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie systemische Erkrankungen – etwa von Herz, Leber oder Niere – die Mundgesundheit beeinflussen und umgekehrt.


„Die zentrale Fragestellung ist, inwiefern systemische Erkrankungen Einfluss auf das zahnumgebene Gewebe (Parodont) haben – also nicht nur auf das Parodontalligament, sondern auch auf Knochen, Gingiva, Zahnwurzel und den Zahn selbst als funktionelles System“, erklärt Professor Michael Wolf, der Leiter des Projektes. Dabei geht es um weit mehr als klassische Zahnmedizin: Der Mund wird als Teil eines komplexen Organverbunds verstanden. Professor Joachim Jankowski ergänzt: „Die Zukunft der Medizin liegt darin, Organe nicht isoliert zu betrachten, sondern ihre Kommunikation miteinander zu verstehen. Mit dem SFB-TRR219 haben wir gezeigt, dass große interdisziplinäre Forschungsverbünde in Aachen international sichtbare Ergebnisse hervorbringen können.“

 

Leuchtturmprojekt mit Strahlkraft : Warum Aachen weltweit Maßstäbe setzen will

Ein entscheidender Erfolgsfaktor ist die besondere Struktur in Aachen: Forschung und Klinik sind eng miteinander verzahnt. Genau diese Kombination macht den Sonderforschungsbereich zu einem medizinischen Leuchtturm mit internationalem Anspruch. „Wir haben hier Zugriff auf eine enorme Forschungsinfrastruktur – ganze Etagen voller Labore –, die in der Zahnmedizin sonst kaum erreichbar oder bezahlbar ist. Wir sind gleichzeitig klinisch tätig und wissenschaftlich aktiv – und genau diese Kombination ist in dieser Form weltweit eher selten“, sagt Prof. Wolf. „Der Aufbau des SFB 1739 profitiert unmittelbar von den Strukturen, Erfahrungen und Netzwerken, die wir im SFB-TRR219 geschaffen haben. Ein Sonderforschungsbereich dieser Größenordnung braucht eine gemeinsame wissenschaftliche Vision – und genau diese ist in Aachen vorhanden“, ergänzt Prof. Jankowski.

 

Der Mund als Spiegel der Gesundheit

Viele systemische Erkrankungen zeigen sich auch in der Mundhöhle – doch konkrete Handlungsempfehlungen für Zahnärzte, Kieferorthopäden oder Chirurgen fehlen bislang. Genau hier setzt das SFB1739 an. „Wir Zahnärzte wissen oft aus der Anamnese, dass Patienten Erkrankungen haben – aber wir haben bislang kaum Möglichkeiten, diese Informationen konkret in unsere Behandlung zu übersetzen.“ Langfristig soll der SFB1739 den Weg zur personalisierten Zahnmedizin/Medizin ebnen. „Wir wollen verstehen, wie sich Erkrankungen zentraler Organe auf das zahnumgebene Gewebe auswirken – und wie wir unsere Therapien daran anpassen oder sogar vorbeugend handeln können“, sagt Prof. Wolf. „Gerade chronische Erkrankungen wie Niereninsuffizienz oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen hinterlassen deutliche Spuren in der Mundhöhle und die Zahnmedizin wird künftig eine wesentlich stärkere Rolle in der Früherkennung systemischer Erkrankungen spielen“, ergänzt Joachim Jankowski.

 

 

Interdisziplinär : Medizin und Zahnmedizin rücken zusammen

Ein zentrales Merkmal des Projekts ist die enge Zusammenarbeit zwischen Zahnmedizin, Humanmedizin und Grundlagenforschung. Insgesamt umfasst das Vorhaben 17 Teilprojekte. „Wir haben Projekte, in denen immer ein zahnmedizinischer Wissenschaftler mit einem Kollegen aus der Medizin oder Grundlagenforschung zusammenarbeitet – weil die zentrale Perspektive immer die Zahnmedizin ist.“ „Einzelprojekte dieser Art gibt es schon lange – aber nicht mit dieser hohen Expertise und dieser engen Verzahnung der Disziplinen“, erläutert Prof. Wolf. „Interdisziplinäre Forschung funktioniert nur dann erfolgreich, wenn alle Disziplinen bereit sind, voneinander zu lernen. Das Besondere an Aachen ist die unmittelbare Nähe zwischen Klinik, Grundlagenwissenschaft und technologischer Entwicklung”, führt Prof. Jankowski aus.

 

Daten als Schlüssel zur Erkenntnis

Die enorme Datenmenge wird in einer zentralen Infrastruktur gebündelt und systematisch ausgewertet. „Wir werden aus 17 Teilprojekten eine enorme Menge an Daten generieren – und die so aufbereiten, dass alle beteiligten Gruppen optimal darauf zugreifen können.“ „Früher wurden Daten oft isoliert erhoben. Heute investieren Förderorganisationen gezielt in Datenmanagement, weil wir dadurch schneller und besser arbeiten können“, erklärt Prof. Wolf. „Moderne Forschung ist ohne intelligente Datenintegration und künstliche Intelligenz kaum noch denkbar. Die gemeinsame Nutzung von Daten beschleunigt wissenschaftliche Durchbrüche erheblich. Wir haben in den letzten Jahren entsprechende Methoden in Aachen entwickelt und etabliert“, ergänzt Prof. Jankowski.

 

Erste Erfolge : Von der Theorie zur Therapie

Schon in der Vorphase konnten konkrete Ergebnisse erzielt werden. „Wir haben ein Protein identifiziert, das bei nierenerkrankten Patienten die parodontale Degeneration deutlich reduzieren kann – möglicherweise sogar regenerativ wirkt. Das haben wir bereits patentieren lassen.“ „Das zeigt, wie nah wir an neuen Erkenntnissen sein können, wenn wir Wissen aus verschiedenen Disziplinen gezielt kombinieren“, erläutert Prof. Wolf.

Prof. Jankowski meint, dass wir bereits heute sehen, dass die Verbindung von Zahnmedizin und systemischer Medizin zu völlig neuen Therapieansätzen führen kann. Translation bedeutet für uns, Erkenntnisse möglichst schnell vom Labor zum Patienten zu bringen.

 

Mehr als Forschung : Nachwuchs und Lehre

Das Projekt wirkt stark in Ausbildung und Nachwuchsförderung hinein. „Allein durch dieses Konstrukt konnten wir sehr viele Doktorarbeiten ermöglichen, die über die klassische Zahnmedizin hinausgehen.“ „Unsere Absolventen verstehen besser, wie wichtig die Zusammenarbeit mit der Medizin ist – das verändert auch die zukünftige Versorgung“, sagt Prof. Wolf. „Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist eine zentrale Investition in die Zukunft der Medizin. Junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler profitieren enorm davon, früh interdisziplinär zu arbeiten, was wir im Rahmen der integrierten Graduiertenschule fördern werden”, sagt Prof. Jankowski.

 

Hürden und kultureller Wandel

Der Weg zur interdisziplinären Zusammenarbeit war nicht immer einfach. „Am Anfang war es durchaus so, dass Zahnmediziner von manchen als ‚halbe Ärzte‘ gesehen wurden – das hat sich aber durch die gemeinsame Arbeit sehr schnell relativiert.“ „Viele haben erkannt, dass wir gemeinsam deutlich mehr erreichen können als jede Disziplin für sich“, führt Prof. Wolf aus. Jankowski meint, dass ein erfolgreicher Forschungsverbund von gegenseitigem Vertrauen und wissenschaftlicher Offenheit lebt.

 

Sichtbarkeit und gesellschaftliche Relevanz

Ein zentrales Ziel ist es, die Bedeutung der Mundgesundheit stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. „Veränderungen des zahnumgebenen Gewebes, was wir als Parodont bezeichnen, gehören zu den häufigsten Volkskrankheiten – aber ihre Bedeutung wird oft unterschätzt.“ „Wenn klar wird, dass systemische Erkrankungen und Mundgesundheit eng zusammenhängen, wird das auch die medizinische Versorgung der Zukunft beeinflussen“, sagt Prof. Wolf. „Die gesellschaftliche Bedeutung der Mundgesundheit im Kontext systemischer Erkrankungen wird in den kommenden Jahren deutlich stärker wahrgenommen werden. Forschung dieser Art hat das Potenzial, Versorgungskonzepte weltweit nachhaltig zu verändern”, führt Prof. Jankowski aus.

 

Blick in die Zukunft

Der Sonderforschungsbereich 1739 an der RWTH Aachen ist auf zwölf Jahre angelegt und verfolgt ein klares Ziel: „Die Idee ist, dass Aachen in Zukunft der Standort ist, an dem weltweit die zentralen Erkenntnisse zu diesem Thema entstehen.“ „Es soll ein Forschungsfeld etabliert werden, das langfristig neue Therapien, Diagnostik und klinische Versorgungskonzept in diesem Feld hervorbringt“, sagt Prof. Wolf. „Der SFB 1739 baut auf den wissenschaftlichen Erfolgen des SFB-TRR219 auf und entwickelt diese konsequent weiter. Unser Ziel ist es, Aachen dauerhaft als internationales Zentrum für interdisziplinäre Organforschung weiter zu etablieren“, sagt der Sprecher des SFB-TRR219 und Co-Sprecher des SFB 1739 Prof. Jankowski.

 

Fazit

Der SFB 1739 steht für einen Paradigmenwechsel in der Medizin und Zahnmedizin. „Der Zahn ist kein isoliertes System – er steht in enger Wechselwirkung mit dem gesamten Körper.“ Die zentrale Erkenntnis: „Gesundheit lässt sich nur verstehen, wenn man sie als vernetztes System begreift”, sagt Prof. Wolf. Prof. Jankowski fasst zusammen: „Die enge Verbindung zwischen Zahnmedizin, Innerer Medizin und molekularer Forschung eröffnet völlig neue Perspektiven für Prävention und Therapie.“

Interview: Manuela Hannen und Daniel Schrader; veröffentlicht im RZB 06/2026

 

Univ.-Prof. Dr. Michael Wolf ist seit 2018 Direktor der Klinik für Kieferorthopädie der Universität RWTH Aachen. Er ist Sprecher des jüngst bewilligten SFB 1739. Der SFB 1739 wird seit 2026 durch die DFG gefördert (Projekt-ID 546544928).

Univ.-Prof. Dr. Joachim Jankowski ist seit 2014 Direktor des Instituts für Molekulare Herz-Kreislaufforschung an der Universität RWTH Aachen. Er ist Co-Sprecher des jüngst bewilligten SFB 1739 und seit 2018 Sprecher des SFB/TRR219. Der SFB/TRR219 ist seit Januar 2026 in der dritten und damit letzten DFG-Förderperiode. Der SFB/TRR219 wurde durch die DFG mit circa 50 Millionen Euro in den zwölf Jahren der Laufzeit unterstützt.

Der SFB 1739 wird seit 2026 durch die DFG gefördert (Projekt-ID 546544928). Der SFB/TRR219 wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) seit 2018 gefördert (Projekt-ID 322900939).

 

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