Die 6. Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS • 6) hat gezeigt, dass Senioren heute deutlich mehr eigene Zähne als früher haben. Was das für Zahnärztinnen und Zahnärzte bedeutet, erklärt Studienleiter Prof. Dr. A. Rainer Jordan, Wissenschaftlicher Direktor des Instituts der Deutschen Zahnärzte, im Interview. Prof. Jordan wird auch beim Tag der Seniorenzahnmedizin am 7. März 2026 im Kantorowicz Fortbildungsinstitut einen Vortrag halten.
Prof. Dr. A. Rainer Jordan Allen voran zeigen sich die Präventionserfolge, die wir bei der Studie im Allgemeinen feststellen konnten, auch bei den Senioren. Dabei steht vor allem die Tertiärprävention, also der Erhaltung der Zähne, im Vordergrund. Im Schnitt fehlen Senioren im Alter von 65 bis 74 Jahren nur noch 8,7 Zähne. Vor Jahrzehnten war dieser Wert noch doppelt so hoch. Da diese Altersgruppe noch nicht von der Gruppen- und Individualprophylaxe profitieren konnte, die erst Ende der 1980er-Jahre begannen, sehen wir hier vor allem die Erfolge besserer Behandlungstechniken.
Zum einen werden Totalprothesen immer seltener. Zu meiner Studienzeit war das noch ein großes Thema in den Lehrplänen der Universitäten. Mehr eigene Zähne bedeutet jedoch auch ein höheres Risiko für Parodontitis und Wurzelkaries. Das zeigen auch unsere Daten, da wir diese Erkrankungen deutlich häufiger bei Senioren beobachten können als in der Vergangenheit. Das ist quasi der Wermutstropfen der Erfolge der Zahnerhaltung. Allein die Parodontitis betrifft 86 Prozent der Senioren. Neben der Behandlung dieser Erkrankungen spielt für Zahnärzte aber auch eine vorausschauende Behandlungsplanung eine wichtige Rolle. Dabei geht es um die Frage, welche Therapien in Hinblick auf Pflegebedürftigkeit und andere Erkrankungen möglich und langfristig sinnvoll sind. So sind beispielsweise lange Behandlungssitzungen bei einem hohen Pflegegrad sehr schwer zu realisieren.
Auch hier sehen wir deutliche Unterschiede. Man kann sehr vereinfacht sagen: Solange Menschen mobil sind, putzen sie ihre Zähne und gehen regelmäßig zum Zahnarzt. Das ändert sich jedoch mit zunehmendem Pflegegrad. Hier ist es wichtig, Angehörige und Pflegepersonal zu befähigen, sowohl die tägliche Mundhygiene als auch die regelmäßige Untersuchung durch Zahnärzte zu gewährleisten. Hier sind wir auch auf die Unterstützung von Allgemeinmedizinern angewiesen, die Senioren oft häufiger sehen.
Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Nicht zuletzt, weil viele chronische Erkrankungen wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen Wechselwirkungen mit der Mundgesundheit der Patienten haben. Zahnmediziner haben meiner Erfahrung nach interdisziplinäre Kooperationen noch deutlich häufiger im Blick als Allgemeinmediziner. Aus Sicht der Patienten ist es aber wichtig, dass diese Zusammenarbeit weiter ausgebaut wird. Aus meiner Erfahrung sind Allgemeinmediziner grundsätzlich offen dafür, vielleicht braucht es an dieser Stelle noch mehr Impulse vonseiten der Zahnmedizin.
Langfristige Prognosen bereiten wir zurzeit aus den Daten der deutschen Mundgesundheitsstudien der letzten 30 Jahre bis zum Jahr 2040 vor. Wir gehen aber davon aus, dass die Anzahl kariöser Zähne zunehmen wird. Ein ganz großes Thema ist aber auch der demografische Wandel. Die älter werdenden Babyboomer erhöhen mittel- bis langfristig das Behandlungsvolumen, sodass Seniorenzahnmedizin in Zukunft noch deutlich wichtiger für Zahnarztpraxen sein wird.
Der 6. Tag der Seniorenzahnmedizin bietet praxisorientierte Einblicke und aktuelle Forschungsergebnisse zu den vielfältigen zahnmedizinischen Herausforderungen älterer Menschen. Verschiedene Experten – unter anderem auch Prof. Dr. A. Rainer Jordan – referieren über neuste Studien, wertvolle Erfahrungen und innovative Lösungen für eine bessere Mund- und Zahngesundheit im höheren Alter.
Entdecken Sie bei unserer interdisziplinären Fachtagung, wie Sie mit einer Mobilen Dentaleinheit die zahnmedizinische Behandlung bestmöglich bei Hausbesuchen oder in Pflegeheimen durchführen können – Hand in Hand mit der Pflege für eine bessere Versorgung älterer Patienten.
Weitere Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie hier.
Das Gespräch führte Daniel Schrader