Ein Interview mit Prof. Dr. Dr. Philipp Schommers über HIV, Stigmatisierung und die Rolle von künstlicher Intelligenz.
Am 28. Februar 2026 trafen sich mehr als 600 Zahnärztinnen und Zahnärzte zum Karl-Häupl-Kongress im Gürzenich in Köln. Prof. Dr. Dr. Philipp Schommers sprach dort über Mythen rund um HIV, über Stigmatisierung und neue Perspektiven der Forschung – von künstlicher Intelligenz bis zu mRNA-Technologien. Im Interview erklärt er, warum Menschen mit gut behandeltem HIV im zahnärztlichen Alltag kein Infektionsrisiko darstellen.
Herr Professor Schommers, beim Karl-Häupl-Kongress haben Sie über Mythen rund um HIV, künstliche Intelligenz und deren Bedeutung für die zahnärztliche Praxis vorgetragen. Warum war es Ihnen wichtig, bei diesem Kongress zu sprechen?
Ich habe mich sehr über die Einladung gefreut, weil der Kongress ein großes Publikum erreicht. Für mich war es wichtig, das Thema direkt in die zahnärztliche Praxis zu tragen. Menschen mit HIV sind bei guter Behandlung im Alltag nicht ansteckend – auch nicht im zahnärztlichen Umfeld. Der Kongress bot daher eine ideale Gelegenheit, über HIV sachlich aufzuklären.
Warum halten sich Ängste vor HIV selbst im medizinischen Umfeld bis heute?
Das hat viel mit den Erfahrungen unterschiedlicher Generationen zu tun. Viele ältere Kolleginnen und Kollegen erinnern sich noch an die Zeit Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre, als HIV kaum behandelbar war und große Angst herrschte. Jüngere Menschen hingegen haben dazu oft gar keinen Bezug mehr. Sie kennen niemanden, der offen mit HIV lebt, und nehmen das Thema im Alltag kaum wahr. Diese Mischung aus starken Erinnerungen auf der einen Seite und fehlender Erfahrung auf der anderen führt dazu, dass Mythen weiterbestehen.
Welche Mythen begegnen Ihnen besonders häufig?
Der häufigste Mythos ist die Annahme, dass Menschen mit HIV grundsätzlich ansteckend sind und das Virus bereits durch alltäglichen Kontakt oder gemeinsam genutzte Gegenstände übertragen werden kann. Wenn jemand Ende der 1990er- oder Anfang der 2000er-Jahre geboren wurde und HIV nur aus dem Schulunterricht kennt, kann dieser Eindruck entstehen. Man weiß lediglich, dass es sich um ein Virus handelt. Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre mit anderen Viren wird dann schnell angenommen, dass auch HIV leicht übertragbar ist. Tatsächlich können Menschen mit HIV heute ein ganz normales Leben führen – und bei erfolgreicher Therapie sind sie nicht ansteckend.
Ist Stigmatisierung für Betroffene ein größeres Problem als das Virus selbst?
Eine Infektion mit dem HI-Virus selbst bleibt natürlich eine ernsthafte Erkrankung. Unbehandelt führt HIV auch heute noch über AIDS letztlich zum Tod. Gleichzeitig spielt Stigmatisierung eine entscheidende Rolle für die weitere Verbreitung der Infektion. Sie kann dazu führen, dass Menschen mit möglichem Risikoverhalten – etwa bei wechselnden Sexualpartnern – sich seltener testen lassen. Dadurch bleiben Infektionen länger unentdeckt, die Viruslast ist hoch und das Risiko der Weitergabe steigt. Häufig beginnt diese Entwicklung mit der Angst vor Stigmatisierung.
Wie hoch ist das tatsächliche Infektionsrisiko bei einer zahnärztlichen Behandlung?
Bei Menschen, die mit HIV leben und die eine wirksame antiretrovirale Therapie erhalten, besteht kein Risiko. In Deutschland haben diese Menschen in der Regel eine Viruslast unterhalb der Nachweisgrenze. Das bedeutet, dass bei normalen medizinischen Eingriffen – ob in der Zahnmedizin, der Humanmedizin oder der Chirurgie – keine Gefahr einer Übertragung besteht.
Welche Rolle spielt moderne Forschung, etwa künstliche Intelligenz, im Kampf gegen HIV?
Ein großes Problem im Kampf gegen HIV ist, dass es bis heute keine Impfung gibt, obwohl wir das Virus seit etwa 45 Jahren kennen. Der Grund dafür liegt vor allem in der enormen Vielfalt der Virusvarianten. Genau hier kann künstliche Intelligenz helfen. Sie ermöglicht es, große Datenmengen zu analysieren und Vorhersagen zu treffen, ohne jedes Experiment einzeln durchführen zu müssen.
Auch Technologien wie mRNA eröffnen neue Möglichkeiten. Mithilfe von KI können wir heute beispielsweise immunogene Strukturen besser vorhersagen und gezielt designen. Zudem lassen sich Proteinstrukturen inzwischen mit Programmen wie AlphaFold berechnen, ohne sie im Labor herstellen zu müssen. In Kombination mit der Flexibilität der mRNA-Technologie könnte das langfristig auch die Impfstoffentwicklung beschleunigen.
In Ihrem Vortrag sagten Sie, HIV sei ein „dummes Virus“. Was meinen Sie damit?
Das Virus hat eine extrem hohe Fehlerrate bei seiner Vermehrung. Beim Umschreiben seiner RNA in menschliche DNA entstehen sehr viele Mutationen. Dadurch entstehen innerhalb eines einzelnen Patienten teilweise Millionen verschiedener Varianten. Diese enorme Vielfalt erschwert die Entwicklung eines Impfstoffs erheblich.
Man könnte daher sagen: Das Virus ist nicht besonders intelligent und passt sich nicht gezielt an unser Immunsystem an. Es produziert einfach so viele Varianten, dass statistisch immer einige dabei sind, die dem Immunsystem entkommen. In diesem Sinne ist es eher ein „dummes“ Virus.
Was müsste sich im gesellschaftlichen Umgang mit HIV dringend ändern?
Wir brauchen wieder mehr Bewusstsein für das Thema. HIV existiert weiterhin und viele Menschen leben damit – meist gut behandelt und mit hoher Lebensqualität. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass es sich weiterhin um eine Infektion handelt, vor der man sich schützen sollte. Infektionen treten längst nicht nur in klassischen Hochrisikogruppen auf. Deshalb ist es wichtig, wieder stärker über Prävention, Tests und Schutzmaßnahmen zu sprechen.
Text: Verena Lehnen, ZÄK Nordrhein; veröffentlicht im RZB 04/2026
Zur Person
Prof. Dr. Dr. Philipp Schommers ist Internist und Infektiologe am Universitätsklinikum Köln. An der Klinik I für Innere Medizin beschäftigt er sich vor allem mit der klinischen und translationalen HIV-Forschung – also der Frage, wie Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung schneller in die medizinische Praxis übertragen werden können. Für seine wissenschaftliche Arbeit wurde Schommers mit dem „Prize for European HIV Research“ ausgezeichnet.
Informationen zur Behandlung von Patienten mit HIV, HBC oder HCV finden Sie auf unserer Webseite.